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Ein Ausritt im Naturschutzgebiet.
Wenn man nicht als dummer Tourist gelten will, dann sagt man zu dem hübschen blonden Reitlehrer: „ Ich bin lange nicht geritten.“
Die Sache hatte nur einen Hacken; es war gelogen. Die Bandbreite meiner Reitkunst liegt zwischen meiner Kindheit im Stammheimer Ponyhof, und gelegentlichen Urlauben, bei denen ich immer das gute Tier hinter der Gruppe her traben ließ. Welcher Teufel ritt nun mich, dass ich mich an diesem wunderschönen strahlenden Morgen in Namibia der pferdekundigen kleinen Jane, und dem blonden nordischen Reitlehrer anschloss? Jane war 11 Jahre alt, und ritt schon seit mindesten 20 Jahren. Ich konnte mich doch nicht vor einem Kind, und einem äußerst attraktiven Mann blamieren! Die deutschen Namibianer sind große blonde und blauäugige Menschen. Und dieser Sebastian war ein Verschnitt aus einem sehr jungen Mel Gibson, Robert Redford und Patrick Swazee. Alles hübsch verpackt im Reiterdress.
„Ich bin lange nicht geritten.“ Log ich also zu seinen 1.80 Meter hoch. Er war zum Glück ebenso so nett, wie er hübsch war.
„Wir reiten ja nicht im Galopp über Stock und Stein.“ versicherte er mir.
„Nicht?“ rief Jane. Sie wollte galoppieren - sie KONNTE galoppieren. Sebastians Lächeln vertiefte sich.
„Aber nicht mit meinen Pferden! Und nicht über diesen steinigen Boden.“
(Und nicht mit dieser Hochstaplerin, die mich so frech anlügt.)
Ja sicher bin ich schon oft galoppiert; in meiner Kindheit. Sooft es meinen Freunden auf dem Ponyhof zu dumm mit mir wurde, weil ich die Gruppe aufhielt, und jemand meinem Pony einen Klaps gab. Worauf hin ich mich unfreiwillig von der Gruppe entfernte, und im Wald wieder eingesammelt werden musste. Meine bisher größte Leistung in einem Sattel war der steile Berg auf Santorin, der zum antiken Thera führt. Mit Bedacht hatte ich den kleinsten Esel gewählt, aber das Biest musste wohl einen Napoleon Komplex haben. Es rannte wie eine Rakete los, und überholte alle anderen Touristen Esel auf der steilen Innenseite des tiefen Abgrundes. Ich habe es, wie vieles andere in meinem Leben überlebt. Und jedenfalls machte ich damals immer noch eine bessere Figur als am Strand von Irland. Und über die Sache bei den Pyramiden reden wir schon gar nicht mehr, der Führer wollte mir ja gar nicht die Zügel überlassen!
Dieser Sebastian war wohl doch ein versteckter Psychologe, das musste er sicher auch sein, beim täglichen Umgang mit Touristen. Obwohl Jane unbedingt den Schimmel wollte, gab er ihn mir. Sicher wegen dem schönen hohen Cowboysattel. Dankbar legte ich die Hände auf den Sattelknauf, und fühlte mich sicher zwischen dem festen Leder eingebettet.
Herero Männer hielten die Pferde. Ob ich Hilfe beim Aufsteigen bräuchte? Gott sei Dank nicht; wenigstens das beherrschte ich spielend. Jane war wirklich gut; wie angepaßt saß sie auf ihrer Stute. Und Sebastian verschmolz mit seinem Tier wie ein Zentaur. Ein Gutsherr reitet seine Besitztümer ab. Das Kind dagegen ritt wie einst John Wayne; breit und souverän im Sattel. Und ich; nun in meinem Kopf purzelte alles durcheinander. Was war mir nur in den Sinn gekommen. Der Rest unserer Gruppe lag noch friedlich im Bett, und ich musste die Heldin spielen, und mit dem Reitlehrer das Naturschutzgebiet erkunden.
Warum hielt dieser Sebastian beide Zügel in einer Hand? War mir da etwas Wichtiges entgangen, oder wollte er nur angeben? Bei mir sah das sicher aus, als sei ich ein Bauer beim pflügen.
Ach, es schadete sicher nicht, es ihm nach zu machen. Und überhaupt, so schrecklich unsportlich war ich ja gar nicht. Denn schließlich sind Reiter und Tänzer gar nicht so weit voneinander entfernt. Beide halten sich an ihrer eigenen Haltung! Das jedenfalls hörte ich immer einen Mann aus der Reithalle brüllen, an der ich täglich vorbei lief. Und das hörte sich dann exakt so an, wie mein Ballettmeister, wenn er mich auf ungarisch anschrie.
Noch niemals war ich vom Pferd gefallen. Ich brauchte mich also nur an meiner eigenen Haltung zu halten, und die Schenkel fest an drücken. Im nächsten Moment fiel mein Schimmel von einem trägen Schritt in einen munteren Trab. Holla, was was war nun? Dieses Pferd reagierte tatsächlich auf Schenkeldruck. Gehört hatte ich schon, dass Pferde so etwas tun. Bisher hatten alle Tiere auf denen ich gesessen hatte, mich komplett ignoriert, wie eine lästige Fliege, die man mit einem schwanzschlagen quittiert.
Dieses gesegnete Pferd trabte, und fiel nach einem "Ho" wieder in den Schritt. Ich hatte tatsächlich Gewalt über das Tier unter mir. Diesmal brauchte ich nicht wie ein nasser Sack im Sattel hängen, und warten, bis es den richtigen Reitern bis in den Stall folgte. Warum hatte mir bisher noch keiner gesagt, dass ich reiten kann?
„Können wir nun etwas traben?“ fragte Sebastian. Selbstverständlich, was fragte er da mich?
Der Boden war weich und staubig, nur leider voller Steine. Wir trabten durch ein Wäldchen, als die Sonne auf ging. Ich atmete gierig die reine saubere Luft, und als sich das bestechend klare rote Licht über die Landschaft legte, schmolzen meine Bedenken wie Butter.
Es war so unglaublich schön, und einmalig hier. Die Mauer, die das Naturschutzgebiet umschloss, trennte uns von der Tierwelt der Etoscha Pfanne, aber man hörte ihre Rufe und Schreie. Die Sonne schob sich höher, und die Büsche und Bäume strahlten. Der Trab war war sanft auf dem weichen Grund, und ich wuchs immer enger mit dem Sattel zusammen. So unbedarft war ich doch gar nicht! Man brauchte doch einfach nur einen durch trainierten Körper, den ich damals hatte, und der hielt einen dann ganz von selbst oben. Das Leben war wunderschön. Ich ritt durch die Wildnis, der aufgehenden Sonne entgegen.
Es war wie fliegen, wie schweben, ein gleiten durch das Paradies. Grenzenlose Freiheit. Glücksgefühl! Und dann, als nicht im Leben hätte schöner und perfekter sein können, da drehte sich Sebastian der Reitlehrer um, und verkündete überglücklich:
„Wenn wir heute Morgen großes Glück haben, dann sehen wir einen Leoparden! Der Zaun im Camp hat ein Loch, und man hat Spuren gefunden. Ist das nicht wunderbar?“
Oh! Mein! Gott!
Leoparden!
Leoparden, die hinter meinem galoppierendem Pferd her jagen.
Leoparden, die von Bäumen springen, mich vom Pferd reißen und verspeisen!
Ein total wirres Pferd, von Leoparden Herden einher jagend – und mich dabei mit einem Fuß im Steigbügel hängend, herunter baumelnd.
Ich werde geschleift werden, wie Hektor von Achilles.
Ich kann doch gar nicht reiten!
Doch nichts dergleichen passierte.Meine Bitten, ganz schnell zurück zu reiten, wurden von Sebastian und Jane mit Lachen quittiert. Langsam gewann ich meine Sicherheit wieder. Mehr oder weniger. Die Luft war immer noch klar und rein, und das Morgenlicht verzauberte die Landschaft. Der Schimmel schien meine Gedanken zu lesen, und erfüllte meinen Willen auf jede Muskel Bewegung. Sicher hatte Sebastian nur Spaß gemacht. So dumm konnte er doch nicht sein, ein Kind an die Leoparden zu verfüttern, oder? Wir waren nun direkt an der hohen Mauer, die unser schönes Camp von der brutalen Wirklichkeit der Etoscha Pfanne trennte.
Und dann schrie auf einmal Janes Stute wild auf, und tänzelte rückwärts. Sebastian wollte etwas sagen, aber dann stieg sein Hengst steil auf , wie ein Reklame Bild von Zirkus Krone, und er schien Mühe haben, die Kontrolle zurück zu bekommen.
Es war soweit!
Die Leoparden waren gekommen, um uns zu holen.
Mein Pferd schien immer noch meine Gedanken zu lesen, denn es drehte wortlos um, und galoppierte mit mir pfeilgerade in die Dornenbüsche. Ich riss noch heldenhaft an den Zügeln, und rief mit fester Stimme: 'Hooo!'
Die Dornen kamen bedrohlich näher, und in Namibia sind diese drei Zentimeter lang.
So souverän ich konnte rief ich:
„Ho! Stop! Hooooooo! Hoooo....Hiiiiiilfeeee!“
Wir standen.
Umringt von Dornenbüschen.
Ich hatte mich noch rechtzeitig flach auf den Pferdehals geworfen. Darum habe ich auch heute noch mein Augenlicht! Und da lag ich nun. Bereit; um gar nichts mehr zu tun, nie wieder. Vor allen Dingen nicht reiten.
Sebastian rief beruhigend:
„Keine Angst. Alles in bester Ordnung. Die Pferde haben nur Giraffen hinter der Mauer gerochen; das verwirrt sie immer ein ganz kleines bisschen. Reiten sie nun ganz langsam rückwärts aus dem Busch.“
„Nein! Ich kann nicht. Wo sind die Leoparden?“
„Ich sag doch; keine Leoparden. Giraffen hinter der Mauer!“
Oh dieser dumme hässliche Mensch!
Wie soll ich denn rückwärts mein Pferd führen, wenn ich es nicht einmal vorwärts habe halten können? Zaghaft zog ich an den Zügeln, aber der Hengst hatte wie ich die Schnauze voll, und machte keinen Schritt. Na also, auch er glaubte, dass hinter uns ein wartender Leopard saß, der sich die Lippen ableckte. Sebastian musste wohl oder übel seinen schönen Körper aus dem Sattel heben, um uns beide aus der Dornröschen Verstrickung zu befreien.Das war gar nicht so einfach, denn Pferd und Reiterin hatten sämtliche Nerven verloren, und waren beide bereit, so lange hier zu verweilen, bis der Dornenbusch vor Altersschwäche von alleine ausfiel. Schließlich gelang es mir, ihm die Zügel zu zuwerfen, und in einem engen Winkel drückte sich der Hengst an sich selbst vorbei aus der Miesere. Wobei die Reiterin erstaunlicher weise immer noch oben blieb. Ich sage es ja, ich bleibe immer oben.
Etwas zaghafter ging der Ritt weiter. Das Gefühl von Abenteuer und Freiheit wollte sich so gar nicht mehr bei mir einstellen. Genauer gesagt, ich konnte meinen Blick nicht mehr von den vielen Steinen am Boden nehmen. Die sahen wirklich sehr hart aus. Meine Körperhaltung, an die ich mich zu klammern gedacht, hatte gelitten. Meine Selbstachtung auch. Es war eine Erlösung, als das Haupthaus in Sicht kam. Ich wusste, dass hinter der großen breiten Scheibe all die anderen netten Menschen unserer Gruppe beim Frühstück saßen. Die hatten es gut! Keiner von ihnen war heute morgen schon von Leoparden gejagt worden, und hatte all diese tiefen Dornenstiche in den Armen.
Jane ließ ihre Stute vor Sebastian tänzeln.
"Bitte, bitte, bitte! Es ist doch nur noch eine große Wiese bis zum Haus! Bitte!"
Sebastian lächelte sein sympathisches Lächeln.
"Gut, du darfst galoppieren."
Jane jauchzte, und jagte los. Sebastian hinter ihr her.
Ich beugte mich tief zu meinem guten Schimmel hinunter.
„Gell, du bist ein guter Junge, und du hast von Anfang an gewusst was du dir mit mir eingehandelt hast. Wir beide ziehen das jetzt bis zum bitteren Ende mit Würde durch, nicht wahr? Du wirst mich jetzt nicht in einem hohen Bogen vor dem Frühstücks Fenster im Blumenbeet absetzen, denn dir ist ja klar dass ich gar nicht reiten, und schon gar nicht galoppieren kann ?“
Das Pferd verstand schwäbisch, und es galoppierte mit mir bedächtig auf die wartenden Herero Männer zu. Es war ein langsames auf und ab, wie auf einem Schaukelpferd. Und dieser Moment war so schön, dass man am liebsten vor Freude schreien mochte.
Niemand sah meinem würdevollen Abstieg an, dass ich dies nicht jeden Tag machte.
Als ich Sebastian und dem Hengst für die Geduld danken wollte, schlenderten einige Landsleute in Shorts und Flipflops herbei.
„Eh! Wir sind schon mal geritten. Auf Ibiza. Im Cluburlaub.“
Und diese Proleten wollten mein Pferd besteigen! Manche Menschen haben doch Nerven!
Die kleine Jane hängte sich an meinem Arm ein, und wollte wissen, warum ich mich die ganze Zeit so fest am Sattelknopf gehalten hatte. Woran, in aller Welt, hätte ich mich denn sonst halten sollen? An meiner guten Körperhaltung etwa?
„Und warum hast du die ganze Zeit mit einer Hand geritten?“ Ach, sie meint die Zügel? Ja, weil ich das bei Sebastian so abgeguckt habe, oder!
Laut sagte ich dann nur: „ Da wo ich herkomme, reitet man immer mit einer Hand und lässt die andere Hand am Sattelknopf.“
Über die Schulter sah ich, wie die Touristen mit Badeschlappen die Pferde bestiegen. Die Herero Männer mussten gewaltig mithelfen und schieben.
Ich sags ja, zumindest aufsteigen und oben bleiben kann ich.
Ende
FEENLAND-REISEN, wir bringen Sie auch nach Afrika - ohne solche aufregenden Abenteuer!
Copyright Marina Bacher 18Dezember 2010
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