Freihofstraße 43     70439 Stuttgart - Stammheim
Tel 0711 - 577 62 33   Fax 0711 - 577 62 34   Email info@feenland-reisen.de        

Amerika

Der rote Stift

von Marina Bacher

 

Mein Aquarell Bild ist eigentlich so gut wie fertig, als mir der rote Stift aus der Hand rutscht, und zwischen die Felsbrocken gleitet. 

Das Sonnenlicht hätte nicht perfekter auf die sanften Wellen des Meeres scheinen können. Die Angler sitzen entspannt neben mir auf den Steinen. Ihre Leinen treiben auf der spiegelnd hellen Wasseroberfläche. Leise brummen die Motoren ihrer Kühlboxen. Pelikane sitzen scheinbar teilnahmslos neben ihnen. Sie wissen, dass die Angler mit ihnen die Beute teilen werden. Den ganzen Morgen sitzen wir hier zusammen; glücklich und entspannt, und in völliger Harmonie miteinander. Das Glitzern des Meeres habe ich schon recht zufrieden stellend aufs Papier gebracht. Nur Himmel ist mir heute etwas zu perfekt blau. Einige Wölken hätten besser gepasst. Na ja, das kann man ja später noch einfügen.

Die Fischermen sind schon ganz gut getroffen, auch über die Darstellung der Pelikane bin ich zufrieden. Der dicke Angler aus Texas hat Glück. Seine Leine strafft sich und tanzt; er hat einen Grouper an der Leine. Mein Stift fliegt übers Papier. Gleich wird er ihn ausnehmen und mit den Resten die Pelikane füttern. Die andern Männer nicken ihm aufmunternd zu. Die Vögel werden regsam und rückten näher an Mister Texas heran. Auch der Reiher, ein Blue Heron, steht plötzlich neben ihm, und wartet mit ausdruckslosen Augen.  

Ich will diese Szene einfangen, und mit den neuen Aquarell Stiften kann ich recht zügig arbeiten. Und in diesem wundervollen perfekten Moment rutscht mir der rote Stift aus der verschwitzten Hand, und liegt nun zwischen den riesigen Steinquadern. So bleibt einem nur noch übrig, laut und schwäbisch zu fluchen.  

Die Felsbrocken liegen asymmetrisch aufeinander, um die Hafenmole von Treasure Island zu befestigen. Ich schiebe langsam die Hand, und dann den Arm hinein. Da liegt er; der rote Stift. Ich kann den Arm ein ganzes Stück zwischen die rauen Steine quetschen. Aber ein kleinerer Brocken versperrt mir den Weg.Ich fluche leise weiter und versuche, die Kratzer an der Haut zu ignorieren. Es hilft nichts. Mindestens zwei Handbreit trennen mich von dem roten Holz. Nicht nur, dass ich mein perfektes Bild nicht fertig malen kann. Wie soll ich nun ohne Mietwagen zu Michaels Art and Craft Shop kommen. Ich will doch die nächsten Tage weiter arbeiten, und nicht durch die Gegend jagen um Material zu kaufen. 

„Can I help you“, sagt eine leise Stimme hinter mir. Ich liege flach auf den Steinen, den Arm schon ganz geschunden und zerkratzt tief in dem Spalt. Der ältere Kanadier hat die Rute weggelegt, und steht neugierig über mir. 

„Nein nein,“ beteuere ich, „ich suche ja nur meinen roten Aquarell Stift.“ Mein Gesicht liegt nun schon flach auf dem Fels. Wenn ich doch nur ein wenig weiter rein könnte; dann würden meine Finger ihn berühren. Der Mann sagt ruhig, ich solle ihn mal sehen lassen. Hochrot und schnaufend setze ich mich auf.

„Da,“ schimpfe ich. „Da unten tief, da liegt er, der rote Stift, den ich doch jetzt unbedingt brauche.“

Er sieht!

Und er erkennt die Lage.

„Oh! You are an ARTIST!“ Bewundernd sieht er mich an.

Nein nein, so ist das ja auch wieder nicht. Ich bin doch kein 'Artist', sondern nur eine süddeutsche Touristin die im Urlaub ein wenig malen will. Da bitte, das Bild ist noch nicht einmal gut, auch ohne rote Farbe. Der Mann ist kein Kunstkenner; er ist ein Gentleman! Sein Wagen steht nicht unweit, und bald ist er mit einem Brecheisen zurück. Das geht nun aber wirklich zu weit. Ich will doch nur meinen roten Stift! Ruhig und bedächtig versucht er, die mächtigen Felsbrocken anzuheben.

Keine Chance.

Ich entschuldige mich, ihn von seinen Fischen abgelenkt zu haben. Es ist ja eigentlich nur ein roter Stift. Ein Künstler Aquarell Stift zwar, aber eben nur ein Stück Holz. Er kann also jetzt getrost weiter angeln. Der Mann schwitzt, und die Fische schwimmen ohne ihn weiter.Der texanische Angler hat unbemerkt seinen Fisch ausgenommen, die Pelikane gefüttert und das Filet in seiner Kühlbox verstaut. Er wäscht sich die Hände im Meer, und nun kommt auch er zu uns. 

Der auf dem Bauch liegende Kanadier informiert ihn, dass ich eine wasch echte Künstlerin bin, und ein sehr wertvoller Bleistift in den Tiefen der Steine ruht. Der Texaner ist ein Mann der Tat. Mit dem Brecheisen wird das nichts, informiert er uns. Oh nein! Sein Wagen ist nicht weit, und nur ein großer Hammer wird dieses Problem lösen können. Bald klopft er verbissen die Felsen klein. 

Das ist mir nun wirklich zu viel. Die können doch nicht den ganzen Strand platt mache, nur weil ich mein Bild zu Ende malen will. Das Klopfen macht die anderen Angler neugierig. Sternförmig stehen sie alle um uns; sehr zur Enttäuschung unserer Pelikane. 

„Whats the matter?“

„She is an ARTIST! She lost her pencil!“

Nein nein ich bin keine Künstlerin, ich bin nur eine Touristin aus Stammheim, und der Stift kann da wirklich liegen bleiben, ganz ehrlich! Ich kann auch ohne rote Farbe weiter malen. Bitte bitte laßt doch den Strand in Ruhe, ich mag ihn so wie er ist. Aber es hilft nichts. Man hat ja nicht weit weg geparkt, und was so ein waschechter Amerikaner ist, der hat gutes Werkzeug im Wagen. Ein Wagenheber wirkt schon rechte Wunder. Zwar muss zuerst ein etwas kleinerer Felsen zertrümmert werden, aber dann kann man ihn schon gut ansetzten.

Es-ist-doch-nur-ein-roter-Stift!

Vergessen sind die teuren Angelruten, die summenden Kühlboxen und die vielen Grouper die uns vor der Nase herum schwimmen. Die Männer haben ihre Hemden ausgezogen, und Schweiß glitzert auf ihren verschwitzten Rücken. Mehrere Wagenheber werden gleichzeitig angesetzt. Kleinere Steine die im Weg sind zertrümmert der Hammer. In einiger Entfernung stehen noch Männer, die von dieser lebenswichtigen Rettungsaktion noch nichts mitbekommen haben. Auch im Wasser tummeln sich noch Leute, die einfach nur Urlaub machen wollen. Aber so geht das ja nicht. Meine Helfer rufen und winken, bis endlich jedermann in Reichweite in die Bergung eingebunden ist. „Come over. She is an ARTIST! She lost her pencil!“

Die Pelikane warten verlassen am Wasser.

Sie scheinen zu sagen: ' Was'n los; kriegt man hier nichts mehr zu essen?' 

Nein, so eine aus Stuttgart Stammheim ist gekommen, und hat ihr rotes Holzding in die Felsbrocken fallen lassen. Ich sehe zum Himmel, und an den weiten Horizont. Werden jetzt bald noch Hubschrauber der Armee, und Boote der Küstenwache auftauchen, um bei der Stift Suche helfen? Werden sie die Felsen sprengen, oder nur mit Kränen kommen, und sie wegheben. Zuletzt werden sie dann Bill Clinton im weißen Haus anrufen:

„Ja Sir, Mister President, aus Stammheim ist sie, und der Stift ist rot. Die Felsen sind zu schwer, ohne die Nationalgarde ist da nichts zu machen.“  

Mein Protest wird von den Jungs mit einer Handbewegung weggewischt. Sie haben einen größeren Stein abgeflacht, und mit den Wagenhebern werden die Felsen angehoben.  

„A pen-cil! „ protestiere ich leise. „Just a red pencil.“

Der Kanadier strahlt übers ganze Gesicht:

"Kindchen, lass das mal den Papa machen!" 

Die Felsen geben nach. So muss es gewesen sein, als Howard Carter zum ersten Mal in die Maueröffnung von Tut Anch Amuns Grab sah! „Ich sehe wundervolle Dinge!“ soll er gesagt haben. Mister Texas darf den Schatz heben, und mit beiden Händen hält er mir sorgsam den geborgenen Schatz entgegen. Meinen roten Stift. Er hält ihn auf den geöffneten Handflächen; als sei es der Hope Diamant. Ehrfurchtsvolle Stille; dann applaudiert die Menge am Strand. Die Pelikane gähnen müde:

'Wo bleibt denn hier unser Essen?'  Die Menschen laufen zurück zu ihren Strandmatten, oder waten zurück ins Wasser. Die Angler gehen zu ihren Ruten zurück.

Ich schleiche mich zurück in mein Appartement. Das Bild mag ich nicht weiter malen; so umgeben von all den gehobenen und zertrümmerten Felsbrocken. Der schöne Strand; ruchlos aufgebrochen damit ich etwas Sonnenlicht auf den Pelikan Schnabel malen kann.

Meine Landlady fragt, was ich heute gemalt habe, und zerknirscht berichte ich von der Rettungsaktion.

„Honey, sagt sie. „ Wo ist hier das Problem? Das waren doch alles MÄNNER!

Eine größere Freude hättest du ihnen niemals machen können. Was glaubst Du, was die Jungs heute Abend zu Hause erzählen können!“ So kann man es natürlich auch sehen! 

Trotzdem; das Bild habe ich niemals fertig gemalt.

ENDE

Wenn Sie nun auch nach Florida reisen wollen, arbeiten wir gerne eine Reise für Sie aus.

Der schöne Strand ist immer noch da. 

Copyright Marina Bacher 19.Dezember 2010

 

 

 

 Träumerei beim Sonnenuntergang

eine Prosa Dichtung

Heute Abend gießt die Sonne flüssiges Gold über das Meer.

Die Sandpieper scheinen sich die Beinchen zu verbrennen, als sie über den versickernden gleißenden Spiegel huschen.

Eine Gruppe Delphine begleitet mich ein Stück, Apollos Geschöpfe, aus reinem Silber geschmiedet.

Ohne Scheu bleiben sie heute lange an der Wasseroberfläche. Sie scheinen mir zu folgen, und zeigen mir so viel von sich wie sie nur irgendwie können.

Es ist noch früh, und der Strand liegt der bestechenden Klarheit des hellen Abendlichtes.

Die Franzosen nennen dies, die 'blaue Stunde'. Die Menschen hier sind innerlich so entspannt und leicht, wie dieser frühe Abend. Das Wasser berührt meine Füße kühlund frisch.

Tausend Lichter tanzen um die Wette, und die riesigen Pelikane kreisen müßig um ihr zukünftiges Abendessen. Majestätisch kreisen sie, um dann, nach einem blitzschnellen Anwinkeln der Flügel, wie ein nasser Kartoffelsack abzustürzen. Ein lauter nasser Pflatsch, und ein Fisch wird zum Pelikan Dinner.

Noch immer folgen mir die Delfine; eine Familie mit einem kleinen Baby, das ganz nahe an der Mutter schwimmt. Noch blendet mich das Licht, aber langsam schmilzt das grelle Gold in ein zartes Rosa, dann in ein tiefes Zinnoberrot. Es ist eine vollendete Komposition.

Meine Gedanken treiben, und der Sonnenuntergang verschmilzt in einem Tagtraum zu Fred und Gingers'Cheek to Cheek'.

Weiß, flaumen leicht wie die Schaumkronen, mit wehenden Federn dreht sich Ginger in Freds Arm.

Sie springt, steppt, wirft sich, wird getragen, flammt auf in einem wilden Crescendo um zuletzt erschöpft über Freds Bein zu sinken.

Einen Herzschlag lang ruht sie, bis er sieganz leicht anhebt, gegen seine Wange lehnt, und – Cheek to Cheek – mit ihr schwerelos hinweggleitet.

Die Sonnenscheibe hat heute ein grelles Zinnoberrot angelegt, und damit den ganzen Himmel verfärbt.

Ein einzelner Wolkenstreifen kleidet sie gut und, ohne sie zu verdecken, verwandelt er sich dezent violett.

Immer rasender und roter wird die Sonnenscheibe, als sie schließlich das Wasser berührt.

Wie ein gleißendes rotes Dreieck läuft nun das Licht über das Wasser bis an den Strand, bis an meine Füße. Die Scheibe ist nur noch halb so groß, nun nur noch eine Sichel, ein schmaler Ring, ein gleißender Tupfen.

Dann ist sie eingetaucht, um den Menschen in Japan einen guten Morgen zu bereiten.

Jemand hat mit einem Nagel einen Riss in den noch immer purpurnen Baldachin gekratzt. Und so leuchtet der Kondensstreifen eines Flugzeuges noch ewig am Himmel.

Rot und violett.

Rot und zinnober.

Schicht für Schicht.

Cheek to Cheek.

 

ENDE

Wir bringen Sie zu allen schönen Plätzen dieser Welt. Und zu allen schönen Sonnenuntergängen.

Copyright Marina Bacher 18.12.2010 

 

 

 

Ein Spatziergang am Meer

Prosa Dichtung


 

Ich wünschte, ich könnte den Sonnenuntergang tanzen!

Aber es sind zu viele Menschen hier, also muss ich ihn nur träumen.

Das Wasser ist farngrün, und glutrote Fäden sind in ihm eingeschlossen, und versuchen, an die Oberfläche zu gelangen.

Winzige Strandläufer strampeln ihre Beinchen zu Tode, und fliegen über die vom Meer zurück gelassenen Flächen. Ein kleiner Winzling ist in den Bann der zinnoberroten Flächen geraten. Seine Beinchen huschen durch einen roten Spiegel aus Wasser. Er verliert vor Hunger die Übersicht, und gerät Wadentief in den gleißenden Strudel. Aber er kann die Balance halten, und pickt durstig nach den Muschel, die wie Mosaiksteinchen aus dem sandigen Schlamm auftauchen.

Nun kommt wohl seine Familie. Eine ganze Armee der Sandpieper huschen herbei, um ihm das Abendessen streitig zu machen. Die ewige Sonne rutscht gelassen etwas tiefer, und schiebt sich hinter einen schmalen Wolkenstreifen, der sich sofort schmerzlich in sie verliebt, und errötet.

Die zinnoberroten Fäden haben nun die Wasseroberfläche erreicht, und verzaubern die Menschen, die sich hier wie jeden Abend zu einer stillen Andacht versammelt haben. Am Himmel reißen einzelne Wolkenfäden die gleißende Farbe an sich. Ihre Majestät, die Sonne ist nun hinter dem farbigen Band hervor geglitten, und beherrscht die Domäne. Jemand hat mit einem Wattebausch über den purpurnen Himmel gestrichen, und überall sind Fäden hängen geblieben, die nun erstrahlen.

Die Scheibe berührt nun sacht das Wasser, und bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor.

Pelikane gestikulieren heftig mit den Flügeln. Sie fliegen langsam, und suchen ihr Abendessen. Aus einem majestätischen Gleitflug heraus bremsen sie scharf ab; winkeln die Flügel eng an sich, und stürzen mit Übergeschwindigkeit tief ins Wasser.

Sobald sie wieder auftauchen hängt ihnen ein Fisch quer im Schnabel. Er bäumt sich noch auf, ringt um sein Leben, und wird dann gefühllos hinunter gewürgt. Sie Möwen versuchen, sich frech an diesem Abendessen zu beteiligen, und landen auf dem Rücken der Pelikane. Manchmal setzt es dafür einen saftigen Hieb mit dem langen Pelikan Schnabel. Aber die Möwen sind Räuber, und so endet der Fisch nach kurzem Kampf als Beute der Möwe. Für ihn bleibt das Ergebnis das selbe.

Kleine Schaumflocken auf dem Wasser machen sich selbstständig, und fliegen – glutrot gefärbt, zu mir. Vielleicht ist es Andersens kleine Meerjungfrau aus Kopenhagen, die nun – zu Schaum geworden – so leicht wie eine Feder tanzen kann.

Doch ich selbst darf hier nicht tanzen, es würde die Menschen hier erschrecken und lächeln lassen, weil sie diese Sprache nicht verstehen. Die Sonne setzt zum Finale an, und verzaubert zuletzt Wasser, Wolken, Sand und die Menschen zu einer glutroten Metamorphose.

Stück für Stück, Scheibchen für Scheibchen rutscht sie ab.

Helios ist am Ziel!

Noch ist heller Tag. Aber die Fäden am Himmel haben das Feuer eingefangen, und strahlen rot weiter. Venus der Abendstern ist aufgetaucht. Ein breiter rosaroter Fächer am Himmel bleibt noch lange bestehen. Nun wird auch das moosgrüne Meer schwarz. Und auch der Himmel wird schwarz.

Nur noch meine uralten Freunde, die Sterne sind da; ewig, tröstend und still. Es gibt nur noch das Rauschen des Meeres.

Und ein glimmendes Band am Horizont, nur noch ein Hauch von Farbe.


 

Ende
 

Wir bringen Sie an diesen – und andere schöne Strände.

Copyright Marina Bacher 18.Dezember 2010

 

 

Afrika

 Ein Ausritt im Naturschutzgebiet.

Wenn man nicht als dummer Tourist gelten will, dann sagt man zu dem hübschen blonden Reitlehrer: „ Ich bin lange nicht geritten.“

Die Sache hatte nur einen Hacken; es war gelogen. Die Bandbreite meiner Reitkunst liegt zwischen meiner Kindheit im Stammheimer Ponyhof, und gelegentlichen Urlauben, bei denen ich immer das gute Tier hinter der Gruppe her traben ließ. Welcher Teufel ritt nun mich, dass ich mich an diesem wunderschönen strahlenden Morgen in Namibia der pferdekundigen kleinen Jane, und dem blonden nordischen Reitlehrer anschloss? Jane war 11 Jahre alt, und ritt schon seit mindesten 20 Jahren. Ich konnte mich doch nicht vor einem Kind, und einem äußerst attraktiven Mann blamieren! Die deutschen Namibianer sind große blonde und blauäugige Menschen. Und dieser Sebastian war ein Verschnitt aus einem sehr jungen Mel Gibson, Robert Redford und Patrick Swazee. Alles hübsch verpackt im Reiterdress.

„Ich bin lange nicht geritten.“ Log ich also zu seinen 1.80 Meter hoch. Er war zum Glück ebenso so nett, wie er hübsch war.

„Wir reiten ja nicht im Galopp über Stock und Stein.“ versicherte er mir.

„Nicht?“ rief Jane. Sie wollte galoppieren - sie KONNTE galoppieren. Sebastians Lächeln vertiefte sich.

„Aber nicht mit meinen Pferden! Und nicht über diesen steinigen Boden.“

(Und nicht mit dieser Hochstaplerin, die mich so frech anlügt.)

Ja sicher bin ich schon oft galoppiert; in meiner Kindheit. Sooft es meinen Freunden auf dem Ponyhof zu dumm mit mir wurde, weil ich die Gruppe aufhielt, und jemand meinem Pony einen Klaps gab. Worauf hin ich mich unfreiwillig von der Gruppe entfernte, und im Wald wieder eingesammelt werden musste. Meine bisher größte Leistung in einem Sattel war der steile Berg auf Santorin, der zum antiken Thera führt. Mit Bedacht hatte ich den kleinsten Esel gewählt, aber das Biest musste wohl einen Napoleon Komplex haben. Es rannte wie eine Rakete los, und überholte alle anderen Touristen Esel auf der steilen Innenseite des tiefen Abgrundes. Ich habe es, wie vieles andere in meinem Leben überlebt. Und jedenfalls machte ich damals immer noch eine bessere Figur als am Strand von Irland. Und über die Sache bei den Pyramiden reden wir schon gar nicht mehr, der Führer wollte mir ja gar nicht die Zügel überlassen!

Dieser Sebastian war wohl doch ein versteckter Psychologe, das musste er sicher auch sein, beim täglichen Umgang mit Touristen. Obwohl Jane unbedingt den Schimmel wollte, gab er ihn mir. Sicher wegen dem schönen hohen Cowboysattel. Dankbar legte ich die Hände auf den Sattelknauf, und fühlte mich sicher zwischen dem festen Leder eingebettet.

Herero Männer hielten die Pferde. Ob ich Hilfe beim Aufsteigen bräuchte? Gott sei Dank nicht; wenigstens das beherrschte ich spielend. Jane war wirklich gut; wie angepaßt saß sie auf ihrer Stute. Und Sebastian verschmolz mit seinem Tier wie ein Zentaur. Ein Gutsherr reitet seine Besitztümer ab. Das Kind dagegen ritt wie einst John Wayne; breit und souverän im Sattel. Und ich; nun in meinem Kopf purzelte alles durcheinander. Was war mir nur in den Sinn gekommen. Der Rest unserer Gruppe lag noch friedlich im Bett, und ich musste die Heldin spielen, und mit dem Reitlehrer das Naturschutzgebiet erkunden.

Warum hielt dieser Sebastian beide Zügel in einer Hand? War mir da etwas Wichtiges entgangen, oder wollte er nur angeben? Bei mir sah das sicher aus, als sei ich ein Bauer beim pflügen.

Ach, es schadete sicher nicht, es ihm nach zu machen. Und überhaupt, so schrecklich unsportlich war ich ja gar nicht. Denn schließlich sind Reiter und Tänzer gar nicht so weit voneinander entfernt. Beide halten sich an ihrer eigenen Haltung! Das jedenfalls hörte ich immer einen Mann aus der Reithalle brüllen, an der ich täglich vorbei lief. Und das hörte sich dann exakt so an, wie mein Ballettmeister, wenn er mich auf ungarisch anschrie.

Noch niemals war ich vom Pferd gefallen. Ich brauchte mich also nur an meiner eigenen Haltung zu halten, und die Schenkel fest an drücken. Im nächsten Moment fiel mein Schimmel von einem trägen Schritt in einen munteren Trab. Holla, was was war nun? Dieses Pferd reagierte tatsächlich auf Schenkeldruck. Gehört hatte ich schon, dass Pferde so etwas tun. Bisher hatten alle Tiere auf denen ich gesessen hatte, mich komplett ignoriert, wie eine lästige Fliege, die man mit einem schwanzschlagen quittiert.

Dieses gesegnete Pferd trabte, und fiel nach einem "Ho" wieder in den Schritt. Ich hatte tatsächlich Gewalt über das Tier unter mir. Diesmal brauchte ich nicht wie ein nasser Sack im Sattel hängen, und warten, bis es den richtigen Reitern bis in den Stall folgte. Warum hatte mir bisher noch keiner gesagt, dass ich reiten kann?

„Können wir nun etwas traben?“ fragte Sebastian. Selbstverständlich, was fragte er da mich?

Der Boden war weich und staubig, nur leider voller Steine. Wir trabten durch ein Wäldchen, als die Sonne auf ging. Ich atmete gierig die reine saubere Luft, und als sich das bestechend klare rote Licht über die Landschaft legte, schmolzen meine Bedenken wie Butter.

Es war so unglaublich schön, und einmalig hier. Die Mauer, die das Naturschutzgebiet umschloss, trennte uns von der Tierwelt der Etoscha Pfanne, aber man hörte ihre Rufe und Schreie. Die Sonne schob sich höher, und die Büsche und Bäume strahlten. Der Trab war war sanft auf dem weichen Grund, und ich wuchs immer enger mit dem Sattel zusammen. So unbedarft war ich doch gar nicht! Man brauchte doch einfach nur einen durch trainierten Körper, den ich damals hatte, und der hielt einen dann ganz von selbst oben. Das Leben war wunderschön. Ich ritt durch die Wildnis, der aufgehenden Sonne entgegen.

Es war wie fliegen, wie schweben, ein gleiten durch das Paradies. Grenzenlose Freiheit. Glücksgefühl! Und dann, als nicht im Leben hätte schöner und perfekter sein können, da drehte sich Sebastian der Reitlehrer um, und verkündete überglücklich:

„Wenn wir heute Morgen großes Glück haben, dann sehen wir einen Leoparden! Der Zaun im Camp hat ein Loch, und man hat Spuren gefunden. Ist das nicht wunderbar?“

Oh!    Mein!    Gott!

Leoparden!

Leoparden, die hinter meinem galoppierendem Pferd her jagen.

Leoparden, die von Bäumen springen, mich vom Pferd reißen und verspeisen!

Ein total wirres Pferd, von Leoparden Herden einher jagend – und mich dabei mit einem Fuß im Steigbügel hängend, herunter baumelnd.

Ich werde geschleift werden, wie Hektor von Achilles.

Ich kann doch gar nicht reiten!

Doch nichts dergleichen passierte.Meine Bitten, ganz schnell zurück zu reiten, wurden von Sebastian und Jane mit Lachen quittiert. Langsam gewann ich meine Sicherheit wieder. Mehr oder weniger. Die Luft war immer noch klar und rein, und das Morgenlicht verzauberte die Landschaft. Der Schimmel schien meine Gedanken zu lesen, und erfüllte meinen Willen auf jede Muskel Bewegung. Sicher hatte Sebastian nur Spaß gemacht. So dumm konnte er doch nicht sein, ein Kind an die Leoparden zu verfüttern, oder? Wir waren nun direkt an der hohen Mauer, die unser schönes Camp von der brutalen Wirklichkeit der Etoscha Pfanne trennte.

Und dann schrie auf einmal Janes Stute wild auf, und tänzelte rückwärts. Sebastian wollte etwas sagen, aber dann stieg sein Hengst steil auf , wie ein Reklame Bild von Zirkus Krone, und er schien Mühe haben, die Kontrolle zurück zu bekommen.

Es war soweit!

Die Leoparden waren gekommen, um uns zu holen.

Mein Pferd schien immer noch meine Gedanken zu lesen, denn es drehte wortlos um, und galoppierte mit mir pfeilgerade in die Dornenbüsche. Ich riss noch heldenhaft an den Zügeln, und rief mit fester Stimme: 'Hooo!'

Die Dornen kamen bedrohlich näher, und in Namibia sind diese drei Zentimeter lang.

So souverän ich konnte rief ich:

„Ho! Stop! Hooooooo! Hoooo....Hiiiiiilfeeee!“

Wir standen.

Umringt von Dornenbüschen.

Ich hatte mich noch rechtzeitig flach auf den Pferdehals geworfen. Darum habe ich auch heute noch mein Augenlicht! Und da lag ich nun. Bereit; um gar nichts mehr zu tun, nie wieder. Vor allen Dingen nicht reiten.

Sebastian rief beruhigend:

„Keine Angst. Alles in bester Ordnung. Die Pferde haben nur Giraffen hinter der Mauer gerochen; das verwirrt sie immer ein ganz kleines bisschen. Reiten sie nun ganz langsam rückwärts aus dem Busch.“

„Nein! Ich kann nicht. Wo sind die Leoparden?“

„Ich sag doch; keine Leoparden. Giraffen hinter der Mauer!“

Oh dieser dumme hässliche Mensch!

Wie soll ich denn rückwärts mein Pferd führen, wenn ich es nicht einmal vorwärts habe halten können? Zaghaft zog ich an den Zügeln, aber der Hengst hatte wie ich die Schnauze voll, und machte keinen Schritt. Na also, auch er glaubte, dass hinter uns ein wartender Leopard saß, der sich die Lippen ableckte. Sebastian musste wohl oder übel seinen schönen Körper aus dem Sattel heben, um uns beide aus der Dornröschen Verstrickung zu befreien.Das war gar nicht so einfach, denn Pferd und Reiterin hatten sämtliche Nerven verloren, und waren beide bereit, so lange hier zu verweilen, bis der Dornenbusch vor Altersschwäche von alleine ausfiel. Schließlich gelang es mir, ihm die Zügel zu zuwerfen, und in einem engen Winkel drückte sich der Hengst an sich selbst vorbei aus der Miesere. Wobei die Reiterin erstaunlicher weise immer noch oben blieb. Ich sage es ja, ich bleibe immer oben.

Etwas zaghafter ging der Ritt weiter. Das Gefühl von Abenteuer und Freiheit wollte sich so gar nicht mehr bei mir einstellen. Genauer gesagt, ich konnte meinen Blick nicht mehr von den vielen Steinen am Boden nehmen. Die sahen wirklich sehr hart aus. Meine Körperhaltung, an die ich mich zu klammern gedacht, hatte gelitten. Meine Selbstachtung auch. Es war eine Erlösung, als das Haupthaus in Sicht kam. Ich wusste, dass hinter der großen breiten Scheibe all die anderen netten Menschen unserer Gruppe beim Frühstück saßen. Die hatten es gut! Keiner von ihnen war heute morgen schon von Leoparden gejagt worden, und hatte all diese tiefen Dornenstiche in den Armen.

Jane ließ ihre Stute vor Sebastian tänzeln.

"Bitte, bitte, bitte! Es ist doch nur noch eine große Wiese bis zum Haus! Bitte!"

Sebastian lächelte sein sympathisches Lächeln.

"Gut, du darfst galoppieren."

Jane jauchzte, und jagte los. Sebastian hinter ihr her.

Ich beugte mich tief zu meinem guten Schimmel hinunter.

„Gell, du bist ein guter Junge, und du hast von Anfang an gewusst was du dir mit mir eingehandelt hast. Wir beide ziehen das jetzt bis zum bitteren Ende mit Würde durch, nicht wahr? Du wirst mich jetzt nicht in einem hohen Bogen vor dem Frühstücks Fenster im Blumenbeet absetzen, denn dir ist ja klar dass ich gar nicht reiten, und schon gar nicht galoppieren kann ?“

Das Pferd verstand schwäbisch, und es galoppierte mit mir bedächtig auf die wartenden Herero Männer zu. Es war ein langsames auf und ab, wie auf einem Schaukelpferd. Und dieser Moment war so schön, dass man am liebsten vor Freude schreien mochte.

Niemand sah meinem würdevollen Abstieg an, dass ich dies nicht jeden Tag machte.

Als ich Sebastian und dem Hengst für die Geduld danken wollte, schlenderten einige Landsleute in Shorts und Flipflops herbei.

„Eh! Wir sind schon mal geritten. Auf Ibiza. Im Cluburlaub.“

Und diese Proleten wollten mein Pferd besteigen! Manche Menschen haben doch Nerven!

Die kleine Jane hängte sich an meinem Arm ein, und wollte wissen, warum ich mich die ganze Zeit so fest am Sattelknopf gehalten hatte. Woran, in aller Welt, hätte ich mich denn sonst halten sollen? An meiner guten Körperhaltung etwa?

„Und warum hast du die ganze Zeit mit einer Hand geritten?“ Ach, sie meint die Zügel? Ja, weil ich das bei Sebastian so abgeguckt habe, oder!

Laut sagte ich dann nur: „ Da wo ich herkomme, reitet man immer mit einer Hand und lässt die andere Hand am Sattelknopf.“

Über die Schulter sah ich, wie die Touristen mit Badeschlappen die Pferde bestiegen. Die Herero Männer mussten gewaltig mithelfen und schieben.

Ich sags ja, zumindest aufsteigen und oben bleiben kann ich.

Ende

FEENLAND-REISEN, wir bringen Sie auch nach Afrika - ohne solche aufregenden Abenteuer!

Copyright Marina Bacher 18Dezember 2010

 

 

 

 

 

[Home] [Über Uns] [Flüge] [Pauschal Reisen] [Städte Reisen] [Sprach Reisen] [Jugend Reisen] [Hochzeits Reisen] [Ferienhäuser] [Mietwagen] [Kreuzfahrten] [Fähre] [Reisestorys] [Versicherungen] [Anfahrt] [Impressum] [AGB]